Mittwoch, 6. Januar 2016

Sissi oder Sisi?

Immer wieder zu den Weihnachtsfeiertagen läuft die romantisch verklärte 'Sissi'-Trilogie aus den 50er Jahren. Obwohl in vielen Details gut gemacht, tragen die Filme mehr dem Bedürfnis nach Menschlichkeit in der Pracht der Monarchie Rechnung als wie der Realität am österreichischen Hof im 19. Jahrhundert. Damit sind sie nur bedingt realistisch und besonders das Bild, das von Elisabeth Amalie Eugenie geprägt wird, ist mit bunten Farben schöngefärbt.

Die zweite Dezemberhälfte habe ich mich daher aufgemacht, den Spuren von 'Sisi' (so ist es tatsächlich korrekt) in Wien nachzugehen. Dabei habe ich ihre Grabstätte in der Kapuzinergruft aussen vor gelassen und mich auf die beiden Habsburger-Residenzen in Wien konzentriert. Die Heimat der Kaiserin von Österreich in Possenhofen am Starnberger See ist mir bereits bekannt. Das Schloss des Herzogs Max in Bayern liegt nahe am See und ist heute nicht mehr der Öffentlichkeit zugänglich. Die Lage am See mit der Uferpromenade und der nicht weit entfernten Roseninsel läßt jedoch erahnen, wie naturnah die Kindheit Elisabeths gewesen sein muss. Das Haus, das im Film zu sehen ist, entspricht nicht der Realität. Wälder gibt es neben dem Schlosspark Possenhofen in direkter Nähe ebenso wenig wie Berge. Das Panorama der 50 km entfernten Alpen ist vom See aus jedoch sehr eindrucksvoll.

Die prachtvollen Bauten in Wien haben die 16jährige Braut im Vergleich dazu wohl eher erdrückt. Ein Modell in der Hofburg zeigt die originale Größe der Palastanlage, die auch noch Gebäude einschloß, die heute durch Straßen abgetrennt sind. Die Wiener Hofburg war die Winterresidenz der Habsburger und liegt im Zentrum von Wien, wogegen die Sommerresidenz Schönbrunn am Stadtrand zu finden ist. Mit den weitläufigen Gärten und dem angeschlossenen Tiergarten ist es eine eindrucksvolle Residenz.

Sowohl für die Wiener Hofburg als auch für Schloss Schönbrunn empfehle ich die Grand Tour mit einer Führung. So erhält man den besten Überblick und kann sich offene Fragen direkt beantworten lassen. (Respekt - Die meisten Fragen konnte die Führerin tatsächlich beantworten!)Die Führung in der Hofburg beginnt mit einer Ausstellung über Sisi und geht dann in die kaiserlichen Appartments für Franz-Josef und Elisabeth über. In Schönbrunn ist neben den Räumen des Kaiserpaares auch der Flügel zu besichtigen, den Maria Theresia mit ihrer Familie bewohnte.

Was erzählen die Ausstellungen über Sisi und Franz Josef?

Kleider (Modelle und im Original), Haar-Imitationen und persönliche Gegenstände Elisabeths lassen einen Vergleich mit der von Romy Schneider verkörperten Film-Sissi zu. In Wahrheit war sie größer (172) als ihr kaiserlicher Gemahl und legte extremen Wert auf Ihre Figur und Ihr Aussehen. Wöchentlich kam der Zahnarzt um die durch das (verpönte) Rauchen verfärbten Zähne zu reinigen. In jeder der kaiserlichen Residenzen wurde ein Turnzimmer eingerichtet so dass die Kaiserin täglich ihren Körper trainieren konnte. Mit ca. 50 kg Gewicht war sie stark untergewichtig, heute würde man bei ihr wohl Magersucht diagnostizieren. Ihre Haare wurden nie abgeschnitten und waren letztlich bodenlang. An einem lebensgroßen Modell in ihrem Badezimmer im Schloss Schönbrunn wird deutlich, dass für die tägliche Pflege viel Zeit erforderlich war. Die Haarwäsche mit Luft-Trocknen über Ständern nahm nahezu einen ganzen Tag in Anspruch.

Die Räume sind gefüllt mit Gemälden von Ahnen und Verwandten der kaiserlichen Familie in prachtvollen Gewändern. Da sticht im Turnzimmer der Kaiserin in der Hofburg ein Porträt eines bürgerlichen Zivilisten ins Auge - Heinrich Heine. Elisabeth sah in ihm ihr großes Vorbild was Ihre eigenen Notizen, Gedichte und Erzählungen betrifft. Diese Einstellung ermöglicht uns einen Blick in die Gefühlswelt der Kaiserin von Österreich - an verschiedenen Stellen in der Ausstellung ergänzen Auszüge ihrer Briefe und Gedichte die Eindrücke der Gegenstände.

Der in der Ausstellung gezeigte Eisenbahnwaggon Elisabeths erinnert an ihre vielen Reisen, mit denen Sie aus der höfischen Kälte entfloh. Ein bequemer Raum, in dem auch lange Bahnreisen gut zu bewältigen waren. Ein kleines abgetrenntes Abteil bot einen Sitzplatz für die Zofe. Die Reisen der Kaiserin führten letztlich auch zu Ihrem plötzlichen Tod. Sie liebte es, inkognito zu reisen und hatte mit wenig Personal auch keinen Schutz gegen Attentäter. Die Vorreiter unsere heutigen Regenbogenpresse spürten Sie jedoch in Genf auf und publizierten Ihren Aufenthalt dort. So konnte ihr der Attentäter, der sein eigentliches Opfer verfehlte, eine tödliche Stichverletzung beibringen, der sie kurze Zeit darauf erlag.

Erzherzog Franz Joseph Karl von Österreich hat in den Sissi-Filmen notorisch zu wenig Zeit für seine Elisabeth. Dieser Umstand läßt sich aus seinem Tagesablauf erahnen. In beiden Residenzen ist sein Schreibtisch der zentrale Punkt und die private Möblierung recht spärlich. Täglich wurde er um 3.30 h geweckt und in einer tragbaren Kautschuk-Badewanne gewaschen. Nach einem ersten Frühstück gegen 5 h begann der Arbeitstag, der bis abends andauerte. Ab 10 h gab er Audienzen, die nur wenige Minuten dauerten. Jeder konnte einen Audienz beantragen und sein Anliegen dem Kaiser vortragen. Damit bewies er eine aussergewöhnliche Volksnähe.

Die kaiserliche Tafel am Ende der Führung in der Hofburg täuscht. Aufwändige Mahlzeiten waren offiziellen Anlässen vorbehalten. Franz Josef I. bevorzugte regionale Kost wie z. B. die österreichischen Mehlspeisen Apfelstrudel und den Kaiserschmarrn. Eine 'Kaisersemmel' ist übrigens auf einem der großen Gemälde in den Kaiserappartments auf dem Tisch deutlich verewigt. Gegessen hat der Kaiser übrigens vorzugsweise an seinem Schreibtisch.

Ordnungsliebend soll Franz Josef gewesen sein. Sein Schreibtisch war stets peinlichlich sauber und aufgeräumt. Einen Papierkorb kann man nicht entdecken - er ist dezent verdeckt in einem Möbelstück, dass einer kleinen Sitzbank auf einem Fuß ähnelt. Auffällig am Arbeitsplatz des Kaisers ist das Gemälde von Elisabeth, dass in einem ovalen Rahmen auf einer Staffelei vor dem Schreibtisch steht. Franz Josef hatte seine geliebte Sisi damit immer im Blick. Das Porträt von Franz Xaver Winterhalter zeigt Sisi mit offenen Haaren im Morgenlicht.

Da traf ein pflichtbewußter Workaholic auf eine lebensfrohe junge Frau, die mit den Zwängen des höfischen Lebens nicht umgehen konnte und von den Schicksalsschlägen (früher Tod der 1. Tochter und tragischer Tod des Sohnes) schwer getroffen wurde. Das bietet Stoff für Vermutungen und Geschichten und die prachtvollen Zeugnisse der Habsburger Monarchie verleiten im Rückblick zur Verklärung ihrer Zeit. Letztlich verhinderte der volksnahe Kaiser mit seinem zentralilstisch auf sich selbst ausgerichteten Regierungsstil notwendige Reformen und führte sein Land in die Katastrophe des 1. Weltkriegs.

Genießen wir aber weiter die unterhaltsamen Anekdoten in den Filmen - und die verschwenderische Pracht der kuk Monarchie wie sie in Österreich heute gut konserviert wird. Dabei finanziert sich die Verwaltung der Schlössern weitgehend selbst und bewahrt die Erinnerung an eine 'schöne Zeit', deren Begleiterscheinungen niemand zurücksehnt.

Weitere Informationen zu Gruppenreisen nach Wien unter http://www.ix-tours.com/DE/erwachsenenreisen/wiena.aspx